Die Wirklichkeit

Wenn für Heiner Müller die Aufgabe von Kunst darin besteht, die Wirklichkeit unmöglich zu machen, stellt sich die Frage, wenn Kunst Erfolg hat und überall Kunst ist, in welcher Wirklichkeit wir dann leben. Oder ist die Wirklichkeit dann keine Wirklichkeit mehr? Aber was ist dann an die Stelle der Wirklichkeit getreten? Die Unwirklichkeit? Ist dann alles Traum, Fantasie? Oder ist die Wirklichkeit nur konstruiert, also gar nicht real? Und wer am Kunstwerk wirkt, erwirkt nur der Wirklichkeit oder kann, wer am Handwerk wirkt, auch Wirklichkeit erwirken?

Lad deine Träume ein

Beobachte. Krokodile, Elefanten, Schlangen, Spinnen. Schau sie genau an. Lad ein zum Teekranz den Herzensbrecher, Wortdieb, Bilderzerstörer, lad ein. Lad ein die, die deine Schwiegermutter nicht sehen will, lad ein. Lad deine Träume ein, deine großen und kleinen. Die geheimen und wilden. Lad deine Träume ein. Im Kino gewesen, geweint, sagt Kafka, im Kino gewesen und geweint. Liebe die Freiheit, das Leben, aber Liebe. Jeder ist ein Künstler, jeder. Lad das Kind in dir ein und feiere mit ihm ein Fest. Freu dich und male, zeichne, freu dich und schreibe. Schaukle auf der Himmelsschaukel, schaukle.

 

Joseph Beuys, Jeder Mensch ist ein Künstler

 

Die saubere Badewanne

Der eine badete gerne lau, der andere sagte dies. So ist die Badewanne Politik. Oder doch nur eine Badewanne. Oder Kunst. So nahm Beuys eine alte Wanne, eine alte Badewanne, aus Email, eine alte Babybadewanne, zu waschen den Babypopo, nahm Beuys eine alte Wanne und stellt sie aus. Ein wenig verändert, schikaniert, misshandelt, verpackt, verfremdet durch Beuys, denn der nahm Heftpflaster und Fett, Mullbinden und Kupferdraht für diese alte Babywanne und stellte sie, aus stellte er sie, als Kunstobjekt aus in der Akademie zu Düsseldorf. Und als machte die SPD ein Fest, nein, nicht in der Badewanne und als machte die SPD ein Fest, der eine badete gerne lau, in Leverkusen, wo sich die Wanne gerade befand, weil sie wartete, auf ihren großen Auftritt wartete, zwischen Bayer und Leverkusen, da machte die SPD ein Fest und weil die Gläser vom vielen Trinken schmutzig waren, säuberten zwei nette Damen die alte Wanne, befreiten sie von Mull und Fett und schrubbten und schrubbten und Dank ATA sie wurde weiß wie Schnee, so rein und sauber wie noch nie.Gründlich und rein, so war die Wanne und die Kunst dahin.

Joseph Beuys, Die Badewanne

Jeder kriegt sein Fett weg

Jeder kriegt sein Fett weg. Jeder. Auch Beuys. Mit Ata. Das Scheuermittel für alle schwierigen Fälle. Jeder kriegt sein Fett. Weg damit. Mit Ata. Was Kunst ist, ist klar. Jeder ist ein Künstler. Und Kunst kommt von können. Jeder kriegt sein Fett weg. Jeder hat das Recht, jeder, sich in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern, jeder, sagt schon das Grundgesetz, sagt schon Art. 5 Abs. 3 GG. Jeder. Jeder ist ein Künstler. Sagt schon das Grundgesetz. Wussten das die Väter des Grundgesetzes? Das jeder ein Künstler ist? 1982 hat Beuys in einer Ecke seines Ateliers in der Düsseldorfer Kunstakademie Butter verschmiert, einfach so, 5 Kilo Butter. Ein riesiges Butterbrot. Nur ohne Brot. Ein fetter Haufen. Jeder ist ein Künstler. Fett ist Kunst, fette Kunst. 1986, Beuys war verstorben, entsorgte ein fleißiger Hausmeister endlich das Fett. Die alte Butter. Längst mehr als ranzig. Das alte Butterbrot ohne Brot. 9 Monate nach Beuys Tod. Aufgeräumt. Saubergemacht. Bestimmt mit Ata. Dem Wunderscheuermittel. Völlig zerstört, das fette Kunstwerk völlig zerstört. Die geretteten Reste des Kunstwerks, in einem profanem Mülleimer entsorgt gewesen, wurde später zu Schnaps destilliert. Ranziger Butterschnaps. Ein fettes Kunstwerk, ein fettes Ende. Teure Butter. Juristischer Streitwert für 5 Kilo Butter: 40.000 DM. Ein stolzer Preis. Ein fettes Kunstwerk.

Joseph Beuys, Fettecke

Es war ein großes Tohuwabohu

Der Raum, das Zimmer, das Feld, die Früchte auf dem Tisch, das Meer. Vermessungen. Der Stuhl, das Bett, das Fenster, der Balkon. In rosa, in grün, in violett, in himmelblau, kobaltblau, pfefferminzgrün. Der Maler vermisst das Gelände. Die Berge, die Seen, die Blumen, die Bäume. Gebiete, Territorien, Fluchten, Linien, Perspektiven. Am Anfang das große Tohuwabohu, wüst und leer, das Chaos, das große Durcheinander. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Tohu wa vuhu. Wüstheit und Leere. Nichts. Sonst nichts. Keine Ordnung nirgends. Keine Ordnung. Die Kunst, ein Leben gegen die Wüstenei, ein Kampf gegen  tohu, gegen vuhu. Es war ein großes Tohuwabohu. Der Maler wischt weg die Bilder der Geschichte und malt auf ihnen ein neues. Kämpft gegen das Tohuwabohu, zieht Linien, ordnet die Welt.