Hosentaschen

Vielleicht sollte man ja auch die Wörter lieber in Hosentaschen füllen. Keine Steine, Matchboxautos, Taschenmesser. Wörter. Für unterwegs, für auf der Straße, für im Bus, auf der Wiese, für wenn man im Baum sitzt und wartet. Einfach die Wörter in Hosentaschen. Es gibt ja Hosen mit kleinen, aber auch welche mit großen Taschen. So kann man schon am Morgen geschickt wählen. Braucht man für den Tag mehr oder weniger Wörter? So hat man dann immer die Wörter in der Nähe, kann reingreifen und eins hervorholen, wenn man es braucht.

Brauchen, Friederike?

Brauchen? Brauchen? Wenig brauchst du, Friederike, wenig. Einen Baum. Ein Haus. Das ganze Haus? Für dich allein? Nein. Nur ein kleines Zimmer oben unterm Dach, eine Kammer, eine Kemenate, mit einem Bett und einen Tisch. Brauchen? Ein kleines Zimmer, um zu finden deine Worte, um zu finden deine Gedanken, um ab und an einen Purzelbaum zu schlagen, um zu träumen und zu schlafen. Ein Haus. Ein Baum. Einen Baum, um zu sehen, zu sehen, wie klein, wie groß du bist, wenn du ihn anschaust, den Baum, von unten nach oben und um zu wissen, wo der Himmel ist und die Träume, einen Baum brauchst du, zu wissen, wie klein ist dein Leben gemessen am Baum, gemessen. Brauchen? Brauchen, Friederike? Einen Baum, ein Haus, zu ruhen in seinem Schatten, zu sehen die Wörter beim Wachsen.

Friederike Mayröcker, was brauchst du