auf dem land #2

auf dem land gewinnt der

milchwagen gegen den bulldog

das kurvenrennen, die schneefangzäune

werden in position gebracht, am

 

werk waren wieder die optimisten

bildungswillige kinder werden vom

schulbus in die lernanstalt geliefert

milchkühe müssen schon lange

 

nicht mehr ins freie, auch die

schweine haben es gemütlich in

ihren zuchtanstalten, auf dem

wegrationalisierten misthaufen

 

kräht schon lang kein hahn mehr

hier und da läuft eine

maus übers feld in die arme

der lauernden katze

Mathias #6

Ein Auto hatte Mathias nicht. Warum auch. Wollte ja auch nicht fortfahren. Wenn er was zu erledigen hatte, nahm er sein Fahrrad oder seinen Bulldog. Er hatte ja Zeit. In der Scheune stand auch noch ein altes Moped. Setzte sich manchmal drauf und fuhr nach Altomünster. War ihm mit dem Fahrrad zu anstrengend geworden. Seine Knie waren nicht mehr die jüngsten. Die Hercules war nicht schnell, lief aber zuverlässig. Schaffte auch Steigungen. Kaufte sich eine Kugel Eis. Setzte sich auf die Bank und aß es in der Morgensonne. Mathias gönnte sich immer nur eine Kugel. Danach kaufte er Brot und fuhr heim zu seinen Kühen und Hühnern. Manchmal redete er mit dem Eisverkäufer. Über Italien und die Berge. Über Fußball. Mathias schaute fast nie fern. Doch manchmal ein Fußballspiel. Sein Fernseher war klein. Den Ton musste er lauter stellen. So gut hörte er nicht mehr. Wenn in seinem Dorf Kinder mit dem Ball spielten, blieb er manchmal stehen. Früher war er auch so gehüpft. Als gäbe es kein Morgen sich die Lunge rausgerannt. Wenn er zurückkam aus Altomünster, ging er immer in den Stall und erzählte den Kühen alles. Mathias war nicht allein.

Orpheus Lieder

Der abgehackte Wald liegt auf dem

Fußboden, ungeduldig warten

Orpheus Lieder in den Ohren laufen

 

wir über die Auen, kein Platz in der Unterwelt

gefunden, die Wolken ziehen den Kirchturm

in den Himmel hinein, Eurydike hüpft

 

leis davon, der Finsternis weichen, die letzten

Sonnenblumen kämpfen gegen die Astern um

die Gunst, dazwischen gesponnen das feine

 

Netz der hungrigen Spinne, die Blätter gehen

ins dunkle Rot, die Lyra fortgeworfen, Schatten

nur Schatten geblieben

Mathias #5

Wenn Nebel lag, die Kälte drang in seine Glieder. Im wurden die Hände noch schwere, der Rücken wurde zum Kreuz. Mathias liebte den Herbst nicht. In der Früh lag schwarze Luft über seinem Hof, die Lichter im Stall gaben kaum Helle. Der Atem der Kühe schleuderte ihm Wolken entgegen. Fliegen vergangen. Schwalben das Weite gesucht. In seinen Träumen wäre er manchmal gern mitgeflogen. Birnen und Äpfel hingen noch am Baum. Alles konnte er nicht mehr ernten. Unter den Bäumen sammelten sich das Fallobst. Nach dem Stall an den Ofen. Der Kaffee wärmte ihn von Innen. Seine schweren Stiefel standen vor der Türe. Der Lehm bröckelte nur langsam von der Sohle. Hin und wieder kam der Kater und forderte seine Milch ein. Das harte Brot tunkte er gern in seine Tasse. Wenn ihm jemand Kuchen brachte, war er glücklich.

in der u-bahn #2

abendgedränge. längst sind die sitzplätze

besetzt. die studenten müde der professoren

noch schnell muss die mutter mit ihren

kindern zum einkaufen. nächster

 

halt odeonsplatz. die stehplätze werden

knapp, geschiebe, körper an körper. wer kein

handy in der hand hat, muss rentner sein

oder kind. hier und da, fast verloren, menschen

 

die miteinander reden. verschiedene sprachen

dringen ans ohr. porschefahrer nicht anwesend

marienplatz. die u-bahn spuckt die fahrgäste

aus. schnell zur s-bahn. rauf in die fußgängerzone

 

etwas erledigen. in dem bauch der stadt ein

gewimmel. vorbei geht ein passant, zieht

in einem holzwagen eine gans hinter sich her. als

hätte er sich verirrt. doch dies ist nur scheinbar

Mathias #4

Seine Hühner hatte Mathias schon lange nicht mehr gezählt. War ihm nicht mehr so wichtig, manchmal kamen Nachbarskinder und sammelten dann die Eier ein. Mathias nah es da nicht so genau. Waren es zehn Hühner oder zwölf? Die Kinder fragten ihn, sie zählten Hühner und Eier. Überall liefen sie herum. Gingen zu den Kühen und über die Wiese. Immer wieder auch über die Straße. War nur eine kleine Straße. Wenig Verkehr. Manchmal hupte ein Autofahrer, der es eilig hatte. Mathias hatte es nicht eilig. Seine Schritte waren langsam geworden. Sein Rücken ein wenig krumm von der schweren Arbeit. Noch immer nahm er die Mistgabel in die Hand. An manchen Tagen, wenn es nicht anders ging, ließ er die Mistgabel stehen. Das waren nicht seine Tage. Fühlte sich dann unnütz. Er könnte auch ins Altersheim gehen. Dort bräuchte er nicht zu arbeiten. Dort könnte er dann auf den Tod warten. Sein Hof war seine Heimat. Er hatte ihn nie länger verlassen. Woanders hielt er es nicht aus. Einen alten Baum verpflanzt man nicht.  Wenn die Sonne schien, warfen seine Hühner lange Schatten in der Abendsonne. Dann saß er noch lange auf der Bank vor seinem Haus. Trank ein Bier. Nachbarn kamen und setzten sich dazu. Manchmal brachten sie was zum Essen mit. Mathias redete nicht viel. Zufrieden lächelte er seine Besucher an.

hosentaschen #2

vielleicht sollte man ja

wörter lieber in hosentaschen

füllen. keine steine, matchboxautos

taschenmesser. wörter. für unterwegs

 

für auf der straße, für im bus, auf

der wiese, für wenn man im

baum sitzt und wartet. die

wörter in hosentaschen. es gibt ja

 

hosen mit kleinen, aber auch welche

mit großen taschen. so kann man

schon am morgen geschickt wählen

braucht man für den tag mehr oder

 

weniger wörter? so hat man dann

die wörter in der nähe, kann

rein greifen und eins hervorholen

wenn man es braucht

Mathias #3

An bewölkten Tagen ging Mathias gern zu den Kühen. Fuhr ihnen über den mächtigen Schädel, kraulte sie.. Fast kam es ihm vor, als würden sie ihn verstehen. Er mochte ihre Stimme. Er blieb dann oft länger als nötig bei ihnen. Seine Hände waren oft voller Erde, schwer und rauh. Die Nachbarin lachte immer, wenn er aus dem Stall kam, fast so, als wäre sie ein wenig eifersüchtig auf die Viecher gewesen. Wenn Kälber kamen, war er immer noch aufgeregt wie ein kleiner Junge. Beim Kalben hatte er immer Hilfe vom Hias. So kräftig war er nicht mehr. Es sollte ja auch nichts schief gehen. Der Hias nahm die Kälber dann meist auf seinen Hof, wenn sie groß genug waren. Der Mathias brauchte keine mehr. Fühlte sich zu alt. Seine Kühe waren auch nicht mehr die jüngsten, aber abgeben kam nicht in Frage. Die Milch, die er brauchte, könnte er auch im Supermarkt kaufen, aber das wäre dann nicht mehr sein Leben.

Mathias #2

Wenn der Sommer ging, saß Mathias meist in der Küche. Er hatte genug Holz. Zog es meist noch selber aus dem Wald. Sein Fendt hatte schon bessere Zeiten gesehen. Lief aber einwandfrei. Der Nachbar half manchmal beim Holz machen. Der Wamsler in der Küche mochte nur kleines Holz. Zu großes ging nicht hinein. Meist hatte er eine Suppe auf dem Herd stehen. In der Früh ging er in den Stall. Meistens molk er die Kühe noch alleine. Hatte eh nur noch fünf. Früher waren es zwölf gewesen. Mehr gingen nicht in den Stall. Und ein paar Kälber. Ein paar Ziegen haben sie früher auch gehabt. Jetzt hatte er nur noch ein paar Hühner. Die Kühe hatten alle Namen. Das war immer so. Und soll auch so bleiben. Von den großen Laufstellen hatten sie ihm im Wirtshaus erzählt. Die meisten, die ins Wirtshaus gingen, waren keine Bauern mehr. Längst den Betrieb aufgegeben. Sich wo anstellen lassen. Manche holten sich bei ihm die Milch. Die vom Discounter war ihnen doch nicht recht. Die übrige Milch holte der Milchwagen ab. Kam auch für kleine Mengen. In der Küche war es warm. Nach dem Melken am Abend war Feierabend. Mathias saß dann auf der Eckbank und las noch in der Zeitung. Manchmal schlief er dabei ein. Die schweren Hände auf dem Tisch als Kissen für seinen Kopf. Wenn Besuch kam, freute er sich, trank ein Bier. Fürs Essen und Trinken hatte es immer gelangt. Seitdem die Waschmaschine kaputtgegangen war, wusch eine Nachbarin ihm die Wäsche mit. War ihm recht, mit Wäsche kannte er sich nicht aus. Wenn er jemanden zum Reden brauchte, ging er in den Stall. Seine Kühe hörten ihm gerne zu.

Mathias #1

Sein Gesicht war nicht glattgebügelt. Tiefe Spalten hatte die Sonne eingegraben. Gesichtspflege schien ihm eher Zeitverschwendung. Die Bartstoppeln längst grau, gingen schon ins Weiss über. Auch die Kopfhaare, durchaus noch vorhanden, waren mit der Zeit immer heller geworden. Nur seine kräftigen Augenbrauen werten sich noch tapfer. Seine Frau war schon lang verstorben, die Kinder lebten irgendwo. Sein Bauernhof war seine Welt. Nicht weniger. Andere flogen nach Amerika oder Malle. Er war hier geblieben. Hatte den Hof von seinem Vater übernommen. Der ältere Bruder hatte nicht gewollt. Zu wenig Ertrag. Mathias hatte nicht mehr gewollt. War zufrieden gewesen. Hat nie viel investiert. Warum auch. Seine Hände waren groß und schwer von der Arbeit. Fester Händedruck. Mathias hatte kein Handy. Seinen Bulldog fuhr er selber. Von satellitengestützter Kommunikation hatte er mal was im Wirtshaus gehört. Hat nie alles haben wollen. Ging ja früher auch ohne. War zufrieden mit seinen Kühen. Bekam auch ein wenig Rente. War jetzt schon über achtzig. Da brauchte er nicht mehr viel. Er hatte ein paar Sachen zum Anziehen. Für den Winter hatte er Holz gemacht.