Kartographie #17 Sendlinger Tor

Die alte Stadt war hier zu Ende. Das Einkaufsgetümmel auch. Ruhiger wurde es ab hier. Maria stieg gern hier aus der U-Bahn, um weiterzulaufen. Wenn sie die Thalkirchner Straße nahm, kam sie am alten Südfriedhof vorbei. Hier wurden schon lang keiner mehr beerdigt. Hier wurde alles wieder zur Natur. Ruhe. Kein Autolärm. Keine drängelnde Radfahrer. Keine Hundebesitzer. Nur Ruhesucher. Spaziergänger. Mütter und Väter mit Kinderwagen. Alte Steine verrieten das Leben der hier Liegenden. Vor den Toren der Stadt war dies früher der Pestfriedhof gewesen. Erstaunlich, wie klein München gewesen war. Schwer zu fassen für Maria. Der Senffabrikant liegt genauso unter der Erde wie der glücklose Falschspieler. Ärzte neben Bierbrauer. Auch im Winter setzte sich Maria gern auf eine Bank, machte ein paar Skizzen. Bäume erzählten Geschichten, Vögel sangen ein Lied dazu. Später ging sie dann heim. Sie hatte Zeit.

Der Schnee lag in den Bergen

Auch im Winter geht was. Der Schnee lag in den Bergen. Heuer relativ zeitig. Franz brauchte frische Luft. Wollte den Schnee sehen. Zusammen mit Maria fuhr raus. Wollte auf die Lenggrieser Hütte. Keine große Sache. Kein steiler Anstieg. Sie fuhren mit der Bahn raus nach Lenggries. Sie hatten Gamaschen dabei. Es lag ja Schnee in den Bergen. Vielleicht würden sie es ja bis zum Seekarkreuz schaffen. Sie mussten sehen. Sonst nur die Hütte. Das Brauneck lag im Rücken. Normaler brauchte man knapp zwei Stunden. Im Schnee etwas mühsamer. Karwendel und Wetterstein kann man erahnen. Nebel liegt auf den Bergen. Wenig Durchsicht. Schneeluft. Die Tannen weiß. Auf der Hütte gibt es am Sonntag Schweinsbraten. Gerade recht nach der kalten Luft. Mit geröteten Wangen sitzen sie in der Stube.

Datscha #6

Gerne sammelte sie Geräusche. Elisabeth liebte Geräusche. Nur zu laut sollten sie nicht sein. Das Quietschen der Straßenbahn lieber weiter weg. Das Öffnen der Fensters. Wenn das Holz kalt war. Die alte Küchentüre, wenn sie ins Schloss fiel. Hin und wieder arbeitete sie für den Rundfunk. Ihre große Passion. Hörspiele. Sie machte die Redaktion. Sie schrieb aber auch selber welche. Auf der Datscha. Nur der Wind hörte ihr zu. Sie strich über die Rinde des Birnbaumes. Zählte die Furchen. Konnte dauern. Gern kochte sie eine Suppe. Die Küche war nicht groß. Alter Herd. Keine Umstände. Im Sommer gab es genug Gemüse. Oder Salat. Zumindest, wenn die Schnecken was übrig ließen. Variationen von Gemüsesuppe. Die Fensterrahmen wollte sie endlich blau streichen. Taubenblau. Aber erst im Frühjahr.

kühe im Kühlschrank

an manchen tagen standen

die kühe im kühlschrank. der

kopf stand in der ecke. eisblumen

drangen ins zimmer. auf der

 

straße kämpfte die straßenbahn

sich durch die wildnis der stadt.

die butterbrote aßen wir am

abend. zuvor suppe. hühnerbrühe

 

mit gemüse. die zeitungen

stapelten sich fast ungelesen. der

fernseher kalt. unserer münder

hinterließen bissspuren.

Datscha #5

Die Wege aus der Stadt waren auch im Winter möglich. Nur wenn ein starker Winter viel Eis und Schnee brachte, fuhr sie nicht auf die Datscha. Elisabeth mochte die Arbeit im Büro. Sie liebte das Schreiben. Sie lebte gern in der Großstadt. Sie mochte sogar die Backpacker. Nicht einmal über den Flugplatz schimpfte sie. Doch sie liebte auch das Grüne. Die Bäume. Die Erde. Die Wurzeln. Freute sich über Regenwürmer. Nahm gern die Schaufel in die Hand. Schnitt mit der Schere an Rosen herum. Verpasste den Obstbäumen die richtige Frisur. Schaute jede Knospe des Baumes an. Welch Glück daraus entspringen konnte. Liebte die Blüten des Apfelbaumes im Frühjahr. Sah den Kirschen beim Wachsen zu. Mehr Freude konnte es für sie fast nicht geben. Wenn später Frost den Blüten zu schaffen machte, war sie betrübt. Nicht, dass sie verhungern würde. Natürlich gab es das Obst auch im Supermarkt oder an einem Stand zu kaufen. Doch sie liebte ihre Bäume und wollte die Früchte sehen und schmecken. Und litt auch, wenn Würmer ihr den Ertrag streitig machten.

Bald würde wohl Schnee kommen

Bald würde wohl Schnee kommen. Franz spürte schon die Vorfreude. Er radelte gern im Schnee durch die Stadt, durch den Englischen Garten, die Isar entlang. Dem Seehofer ging es langsam an den Kragen. Fast kam eine Spur Bedauern auf beim Franz. Söder oder Herrmann? Er konnte keinen wählen und würde auch keinen wählen. Doch ob was besser würde? Die Christkindlmärkte in der Stadt hatten geöffnet. Am Marienplatz kein Durchkommen mehr am Abend. In der Früh kein Problem. Über Geschenke musste er auch so langsam nachdenken. Es näherte sich in großen Schritten der Advent. Bald würde er den ersten Christstollen backen. Konnte nicht schaden, zeitig anzufangen. Das große Krokodil würde wohl kommen. Schier alternativlos schien es plötzlich. Gerade erst feierlich begraben, schon wieder beim Auferstehen.

Die Märchen lagen im Kühlschrank

Die Märchen lagen im Kühlschrank. Sicher

ist sicher. So bleibt das Blut länger frisch.

Abgehackte Hände sind ja keine Kleinigkeit.

 

Von Milchflaschen umgeben, eingezäumt

von Joghurt und Käse. Im Gefrierfach die

Alpträume eingesperrt. Zwischen den

 

Eiswürfeln und der Fertigpizza liegen sie gut

gebettet. Der Zauber ist dahin. Unter der

Bettdecke ist große Finsternis.

Datscha #4

Den Winter auf der Datscha mochte sie. Wenn Schnee gefallen war. Alles weiß war. Anders als in der Stadt. In Berlin war der Schnee schnell schwarz. Sie hatte genug Decken in der Datscha. Und Holz. In der Früh waren die Scheiben beschlagen. Oder Eisblumen. Eisblumen gab es in der Stadt keine mehr. Alles isoliert. Sie liebte Eisblumen. Bei ihre Oma hatte es auch immer welche gegeben. Kalt war es in der Früh. Saß dann mit Mütze beim Frühstück. Der Ofen brauchte eine Weile. Die anderen Datschen waren im Winter leer. Auch das Dorf schien ausgestorben. Oft machte sie die ersten Spuren im Schnee. Aus Berlin kam jetzt keiner mehr raus. Manchmal schrieb sie gute Geschichten.