Tohuwabohu #2

Der Raum, das Zimmer, das Feld, die Früchte auf dem Tisch, das Meer. Vermessungen. Der Stuhl, das Bett, das Fenster, der Balkon. In rosa, in grün, violett, himmelblau, kobaltblau oder pfefferminzgrün. Der Maler vermisst das Gelände. Die Berge, die Seen, die Blumen, die Bäume. Gebiete, Territorien, Fluchten, Linien, Perspektiven. Am Anfang das große Tohuwabohu, wüst und leer.  Gott schuf Himmel und Erde. Wüstheit und Leere. Sonst nichts. Keine Ordnung nirgends. Keine Ordnung. Die Kunst, ein Leben gegen die Wüstenei, ein Kampf gegen tohu, gegen vuhu. Es war ein großes Tohuwabohu. Der Maler wischt weg die Bilder der Geschichte und malt auf ihnen ein neues. Zieht Linien, ordnet die Welt.

Übergehend ins dunkle Rot #2

Die Zitronen verkünden auf dem Küchentisch

den Süden. Ihr Duft erzählt von einer anderen

Welt. Vorfrühlingshafte Sommerfreuden.

Avec plaisir. Wie auch sonst. Unterm Küchentisch

 

frisch gekehrt. Der Kuchen wird wunderbar.

Rosamunde Pilcher nicht geschaut. Die wilden

Rosen ranken an der alten Hauswand. Eine Hand

voller Träume, das wird noch gehen. Der Rittersporn

 

im Garten fängt an auszutreiben. Tee und Gebäck.

Abgelaufener Himmel. Übergehend ins dunkle Rot.

Richters Blumenstrauß verwischt.

Flaschenpost

Wir segelten über den See. Flaschenpost

nicht verschickt. Vergilbt kamen die Postkarten

 

an. Die Zeit schlug gegen die Wellen. Kassandra

war am anderen Ufer. Nur von fern hörten wir

 

ihr Rufen. Dein Nacken schmeckte salzig.

Schwarz die Füße, der Holunder trieb erste

 

Blüten. In den kalten Nächten lagen wir eng

umschlungen. Über uns die Sterne.

Verlieren

Im Verlieren sind die Bayern nicht so groß. Weder der FC Bayern noch die CSU. Doch Franz hatte da kein Mitleid. Er hätte Jupp den Pokal gegönnt. Keine Frage. Doch Jupp konnte auch so entspannt sein. Dem Gegner gratulieren wäre doch angebracht gewesen. Die CSU war das Verlieren noch weniger gewöhnt. Doch ob Söder im Herbst siegen würde, würde sich noch zeigen. Auch hier hätte Franz kein Mitleid. Die Hochzeit des Prinzen war an Franz auf recht spurlos vorübergegangen. Er lebte ja in einer Demokratie. In den Nachrichten hatte er das eine oder andere Bild gesehen. Müssen Prinzen eigentlich bei ihrer Hochzeit Uniform tragen? Ist doch überflüssiges Zeug. Franz war mit Maria zu Pfingsten zu ein paar Freunden gefahren. Ein paar Runden im Segelboot über dem Chiemsee. Das Wetter war abwechslungsreich gewesen. Gerade recht. Eine kühle Brise schadete im klaren Kopf nicht. Dann schrieb es sich leichter. Eigentlich hätte Franz gerne einen kleinen Bus. Dann könnte er dauernd unterwegs sein.

Kartographie #19 Rosenheimer Platz

Maria kam aus der Akademie. Fuhr über den Marienplatz zum Rosenheimer Platz. Sie musste noch ein paar Dinge einkaufen. Das Gelb der Säulen hatte etwas nüchternes. Die S-Bahn-Station lud nicht zum Verweilen ein. Zügig ging sie an die Luft. Für das Gasteig gab es chice Umbaupläne. Eine Öffnung des Gebäude wäre sicher von Vorteil. Doch Maria wollte noch nach ein paar Büchern schauen. Bei Wilma in der Wörthstraße fand sie immer etwas. Oder sie hörte auf die Buchhändlerin. Wilma wusste Bescheid. Maria lief gerne durch Haidhausen. Es war ein schönes Viertel. Zum Wohnen nur viel zu teuer geworden. Aber es gab schöne Geschäfte, kleine Handwerkerläden, Cafés. Der Rosenheimer Platz war viel zu laut. Von dort ging sie immer schnell weg. Kaum war sie in der Weißenburger Straße, fühlte sie sich schon viel wohler. Der Weißenburger Platz war schon viel einladender als der Rosenheimer. Der Brunnen hatte einen schönen Aufbau. Drei Etagen. Könnte fast in Italien stehen. War aber nach französischem Vorbild gebaut. Große Bäume umrundeten den Brunnen. Das Wasser plätscherte lieblich. Wenn sie weiter ging, kam sie zum Pariser Platz. Hier wurde es schon wieder hektischer. Einkaufstrubel nähere sich. Der Ostbahnhof war nicht mehr weit. Doch Maria wollte noch die Ruhe in der Stadt geniessen. Sie wollte ja zu Wilma. Ein Buch kaufen. Es war nicht für sie. Sie brauchte ein Geschenk.

Die Möwen blieben hungrig zurück

Schwarze Wolken über Dänemark. Hamlet

nackt am Strand. Das letzte Hemd hatte keine

Tasche. Die Fischer fahren ihre Boote in den

 

Hafen. Ihre Netze blieben leer. Die Möwen

blieben hungrig zurück. Grimmiges Grollen

der Götter lässt die Menschen erbleichen.

 

Die Wellen fegen den Strand leer. Schaumumspült

ragen die Felsen empor aus der Flut. Später

werden die Sterne aufziehen, bescheinen die

 

stille See. Später. Noch biegen sich die Bäume

ihren Rücken krumm. Die Gicht peitsche in

die müden Gesichter. Später ruht die See.

Das Leben, ein Fest #2

Das Leben, ein Fest, eine Freude, immerdar

im Kreis, nackt, tanzend, ein Reigen gleich, auf

der Wiese, eine Freude. Fünf Menschen, auf

 

einem Hügel, lässt tanzen Matisse. Nackt ihre Körper

nackt, vor dem weiten Horizont, bedrohlich fast

bedrohlich, der Himmel dunkel. Die Wiese, ein Hügel

 

die Welt, eine Kugel. So tanzen sie, das Leben, ein Fest

eine Freude, so tanzen sie, unschuldig fast, als währen

es Kinder, auf der Wiese, der Welt

 

Henry Matisse, La Dance, 1909/10

Sommerferien

Dem Fluss fehlte an Tiefe. Unschiffbar.

Vergnügt schwammen im Sommer die

Kinder darin. Hier und da ein kecker

Fisch durch die Luft. Wolkenloser Himmel

 

verhieß gute Wochen. Endlos lang schienen

die Sommerferien. Schulbücher gut versteckt.

Später die ersten Küsse in lauer Nacht. Beschützt

vom Sternenzelt. Das Eis verlief auf den Lippen.