In der Manege

In der Manege, in der runden Manege immer im Kreis laufen, tagein, tagaus, über Monate hinweg, der Clown, der Löwe, das Pferd, immer im Kreis laufen, angetrieben durch das Klatschen des Publikums, durch die schallenden Trompeten, den Peitschenhieben des Dompteurs, wenn in der runden Manege alle im Kreis herumlaufen würden, tagelang, wochenlang, monatelang, der Tier, der Affe, die Reiterin auf dem Pferd, die Artistin, der Elefant, tanzend, springend, lachend, die Hände ins Publikum werfend, immer im Kreis herum, würde das Publikum, das auch immer auf ihren Plätzen im Zelt sitzen würde, voller Erschöpfung, völlig abgemagert auf dem Boden liegen, der Löwe, das Pferd, der Clown, das Publikum, der Affe, die Reiterin auf dem Pferd, alle würden erschöpft auf dem Boden der Manege liegen. Vielleicht würde jemand, noch bei Verstand, Halt schreien, Halt schreien und dem Ganzen Einhalt gebieten. Vielleicht.

 

Franz Kafka, Auf der Galerie

 

8 thoughts on “In der Manege”

  1. Vielen herzlichen Dank! Diesen Kafka-Text hat uns die Deutschlehrerin zur Interpretation gegeben und ich hab ihn seitdem nie vergessen! Irgendwo, vielleicht als Titel einer Zeitschrift, habe ich kürzlich gelesen, Kafka hätte das Leiden des modernen Menschen vorausgesehen. Damals hatte ich ein Schlüsselerlebnis in Bezug darauf, was mit Sprache möglich ist. Mir kam es so vor, als würde Kafka den Sprachrhythmus so gestalten, als drehen sich die Worte selbst immer nur im Kreise. Immer wieder wollte ich das nachlesen, hatte leider keinen Anknüpfungspunkt zum Suchen – bis jetzt! 😀

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