maienkönigin #2

die wallfahrer benötigen kein feigenblatt

mehr, das ave maria schnell gebet, auf dem

berg dann glückseliger rausch nach langen

strapazen das dirndl der bäuerin sitzt stramm

ähnlichkeit mit picassos frauenbilder eher

zufällig, am ende noch ein letzter rosenkranz

bevor der rausch einen übermannt

 

vergelt´s gott

Stille umgab uns #2

Fern der westlichen Welt, der Pfirsichbaum

will seine Knospen bald öffnen, die Wellen des

Meeres schlagen gegen die Ufer, unter geht

 

langsam die rote Frühlingssonne, der

Gartenpfad wird abgeschritten von uns

Suppe und Gemüse gereicht, Matcha in die

 

Teeschale gestreut, der Besen verrührt

voller Freude reicht der Gastgeber die Schale

Krokusse blühen im Garten.

 

Stille umgab uns.

Schreibwarengeschäft

Das Geschäft war nicht groß. Claudia ging gerne hin und bekam alles, was sie brauchte. Mal holte sie eine Zeitschrift. Mal spielte sie Lotto. Freitags war sie fast immer dort. Noch schnell das kleine Glück ankreuzen. Immer die gleichen Zahlen. Schon seit Jahren. Geburtstage ihrer Familie. Glückszahlen. Sie verriet sie niemanden. Gewonnen hatte sie noch nicht viel. Hier und da ein kleiner Treffer. Doch das Glück würde schon kommen. Claudia glaubte daran. Sie würde es gut brauchen können. Würde ihre Wohnung hübsch machen. Ein neues Sofa wäre schön. Eine Reise mit dem Flugzeug. Raus aus Berlin. Sie wollte immer mal nach New York. Doch mit den Kindern war dies zu teuer. Die Verkäuferin kannte sie schon lange. Sie redeten immer ein paar Worte. Über das Wetter. Über die Gesundheit. Über die Politik. Manchmal auch über das Kochen. Wenn es Mittag war, kochte sie immer was warmes. Die Kinder waren schon größer. Ihr Mann war schon länger nicht mehr ihr Mann. Hatte sich anders entwickelt. Die drei Kinder musste sie allein durchbringen. Sie hatte out Nachtschicht. Da verdiente sie mehr. Am Wochenende kaufte sie sich manchmal eine Packung Zigaretten. Hatte Lust, auf dem Balkon eine zu rauchen. Nicht vor den Kindern. Die mochten das nicht. Sie lebte gern in Spandau. War dort aufgewachsen. Weg wollte sie nicht. Nur ein Flug nach New York.

Fliegen die Silben #2

Fliegen die Silben durch die Luft, überqueren geschwind

den Lech, durch die Wertach geschwommen sind den Bergen

gerade entkommen und doch umschlungen von der Sehnsucht

 

sie träumen von den Gipfeln hoch, verlieren sich schnell und

finden nicht einander, die Zungen stolpern über sie. Gestammel

über die Ufer dröhnt, der Sinn verloren gegangen

Verborgen doch der Mond #2

Verborgen doch verborgen, als wollt nicht sein

der Mond er will nicht zeigen, wie soll ich führen

das Gespräch mit dem Mann vom Mond?

 

Nicht sichtbar ist und doch so nah und welche

Sprache spricht? Könnt sehen ich sein Gesicht

erraten könnt ich vielleicht die Wünsche, doch so bleibe

 

ich heut Nacht wohl allein, soll ich rufen oder gar schrein?

sehen werd ich ihn nicht und wo er ist, das wird

ein Rätsel bleiben

Kirschblüten

Zwischen den unendlich weißen Kirschblüten

freuten sich die Amseln. Als wäre ihr Festmahl

schon zubereitet, als könnten sie die Süße der

roten Früchte schon riechen, verharren sie still

 

im Baum. Vergnügt laufen die Kinder zur Rutsche.

Der April kennt keine Schrecken. Der Biermann hat

es gewusst. Schön wird die Kirschenzeit. Deine Lippen

sind noch röter als sonst. Nicht enden die Küsse.

 

Café Sibylle

Das Café hatte ihn immer gereizt. Er hatte es geliebt. Gerne dort gefrühstückt. Wenn Zeit war. Und Geld da. Gerne ein Rührei genommen. Oder, wenn mit Begleitung, das Frühstück für zwei. Je nach Laune. Und Geldbeutel. In den fünfziger Jahren war das Café eröffnet worden. Prachtstraße Ostberlin. Karl-Marx-Allee. Am Ende hatte es hier freies Wlan gegeben. Als die Mauer nicht mehr stand. Besonders schön ist das Café vielleicht nie gewesen. Karl war immer gern hingegangen. Auch schon mit seiner Großmutter. Irgendwie war es eine Art Vereinsheim geworden. Stammtisch für viele. Ein Hauch der DDR wehte immer durch das Café. Karl mochte diesen Wind. Hin und wieder war er sentimental. Seine Eltern hatten immer zu Honecker gestanden. Ihnen war es nicht schlecht gegangen. Hatten ihre Datscha gehabt. Ihren Trabbi. Nach der Wende haben sich seine Eltern umschauen müssen. Sie hatten Glück. Und gute Kontakte. Für Karl war es nicht immer so glatt gelaufen. Als seine Großmutter gestorben war, haben sie im Café die Trauerfeierlichkeit abgehalten. Seine Tochter hat die Jugendweihe dort gefeiert. Jetzt hatte das Café geschlossen. Karl musste sich ein neues Wohnzimmer suchen. Eins mit weniger Nostalgie. Freies Wlan gab es überall. Und ein Rührei würden sie woanders auch machen können.

mit schwarzen füßen #2

auf der suche nach dem sommer
dem phlox nachgerannt. in den
entfernten spuren des gehirns in
großvaters garten gefunden. endlos
lang schien er. fern die pflichten
zwischen den beerensträuchern und
den obstbäumen blumenrabatten
in weiß, blau, rosa. brause aus der
hand geschleckt, nachbars hund
nachgebellt, auf der wiese boccia
gespielt, mit schwarzen füßen
kirschen in der küche gegessen

Der Sinneswandel

Franz fand den Wandel erstaunlich. Wurde der alte Punkrocker Campino fast noch belächelt ob seiner kritischen Rede, konnten Tage später die Preisträger nicht mehr schnell genug ihren Preis zurückgeben. Die Texte von Kollegah und Farid Bang waren doch nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Derweil gleicht Syrien immer mehr einer Schuttwüste. Macron will weiter an Europa bauen und sucht noch Mitarbeiter. Hin und wieder kämpfte Franz gegen die Pollen an. Die Birken gingen ihm auf die Nerven. Über der Stadt lag tagelang ein gelber Staub. Doch der Beginn der Kirschblüte erwärmte sein Herz. Auch in der Stadt konnte man den Obstbäumen entgegen radeln.