Omsk: Wassili

Sommer wie Winter arbeitete Wassili an der Universität für Eisenbahnwesen. War dort Lehrer. Er war selber Ingenieur und bildete Ingenieure für Lokomotiv- und Wagentechnik aus. Seit es die Transsib gab, brauchte man gut ausgebildete Leute für die Eisenbahn. Mittlerweile kann man an der Hochschule auch andere Fächer studieren, doch Wassili bildete nach wie vor Ingenieure für die Eisenbahn aus. Sein Vater war Lokomotivführer gewesen, sodass er immer schon die Eisenbahn liebte. Wassili mochte die Stadt. Es lebten viele Studenten hier. Es gab ja auch viele andere Hochschulen. Seine Wohnung war seit 20 Jahren die gleiche. Plattenbau. Meist ging die Heizung gut im Winter. Konnte nicht klagen. Auf dem Land hatte er eine kleine Datscha. Seine Frau war ganz zufrieden mit ihm. Es ging ihnen gut. Machten Urlaub im Sommer. Hatten zwei große Kinder, die am studieren waren. Vom Balkon konnten sie direkt auf den Fluss schauen. Als der Ministerpräsident  die Hochschule besuchte, hat er ihm die Hand geschüttelt.

Die unendliche Langeweile: Oblomow #2

Ein Faulpelz gewesen, ein rechter. Unmöglich, nicht herumzuliegen für ihn gewesen, träge durchs Leben. Schlafen, nicht verdienen müssen den Lebensunterhalt, das Leben als ein einziger Traum der Dekadenz. Ein Parasit der Gesellschaft, eingeschrieben in sein Gesicht die unendliche Langeweile und nie enden wollende Müdigkeit. In den besten Jahren und doch schon verlebt, das Leben begonnen und des Lebens müde.

Wladiwostok: Wanja

Am Ende von Russland gelegen. Im Osten. Hier ist kein Europa. Hier beginnt der Pazifik. Hier kamen die Züge aus Moskau an. Hier brachten die Schiffe Ware aus Japan. Wanja liebte seine Stadt. Er lebte schon lange hier. Mochte die Größe. Den Trubel. Trieb immer schon Handel. Exportierte Autoteile von Europa nach Japan. Idealer Standort. Ließ die Güter mit der Bahn kommen. Meist aus Deutschland. Verschiffte sie dann nach Japan. Nur besonderes eilige Fälle schickte er mit Luftpost. Die Bahn war verlässlich. Auch mit China machte er Geschäfte. Oder Südkorea. Aber am meisten mit Japan. Deutsche Autos hatten da ihre Liebhaber. Wanja lebte gern am Meer. Mochte den Duft. Sah gern den Schiffen im Hafen zu. Wie sie die Container verluden. Doch am meisten war er am Bahnhof. Holte die Ware oft selber ab. Fuhr sie selbst zum Hafen. Wollte nicht immer im Büro sein. Manchmal fuhr er auch mit dem Zug nach Moskau. Konnte auch im Zug arbeiten. War auch öfters in Japan. Geschäfte musste man pflegen. Hatte genug Geld. Manchmal geht er ins Casino. Trifft dort viele Chinesen. Redet über dies und das. Wanja ist nicht auf den Mund gefallen. Nur die Winter mag er nicht.

Schlittenfahrt

Das Wochenende in den Bergen gewesen. Sonne schauen. In München nur Nebel. Franz war mit Maria Schlitten fahren gewesen. Berg raufgelaufen. Runter gerodelt. Schnee gab es noch genug. Und viel Sonne. Waren mit dem Auto rausgefahren. Später Freunde getroffen. Rote Wangen. Bergauf ganz schön warm geworden. Am Nachmittag waren sie noch einmal aufgestiegen. Zwei Tage Berge. Bei Freunden geschlafen. Nicht zuviel getrunken. Die Beine waren schwer geworden im Schnee. Runter nicht immer die Kurve bekommen. Der Schlitten war schnell geworden. Lachend lagen sie im Schnee.

Im Waldhaus gewesen #Sils Maria 2

Im Waldhaus gewesen, als sei magisch, ein Orakel gleich, der Hesse, auch Frisch und Thomas Mann, gewesen, im Waldhaus, auf Sommerfrische, Wanderungen, um den See, auf die Berge, durch die Täler, Chabrol filmte gleich, Strauss schrie Melodien zum Fenster raus, in Sils, im Engadin, der Richter malte die Fotos voll, gegen die Simulation der Wirklichkeit, die Künstler als Touristen, Erholung bedürftig, der Inspiration, auf der Suche nach neuer Kraft. Raufgeschleppt die Körper in dünner Luft, Gletscher angerannt, die süßesten Küsse getauscht auf der Blumenwiese. Das Pfeifen der Murmeltiere im Ohr, das Gemaule der Kühe, wenn zu spät der Bauer die Milch. Nur Nietzsche wohnte nicht im Waldhaus. Zarathustras Stürme gingen vorüber.

Der Bahnhof von Saint-Lazare #2

Voller Sehnsucht stand der Maler an seinem Eingang, der Bahnhof von  Saint-Lazare, als Monet ihn malte, Sehnsuchtsort, Ort der Umtriebigkeiten der Hektik, der Aufbrüche und Ankünfte, Kathedralen der industriellen Revolution, gelesen die neuen Messen, an kamen die Dampfrösser, im Dampf umhüllt, entfernt das Land, das Dorf, Zentrum der Stadt, der Bahnhof als Ort der Glücks, unschuldig noch, die neuen Gelegenheiten des Fortfahrens. Das Reisen war eine Reise, das Wegfahren ein Abenteuer, geöffnet das Fenster. Noch erinnern manche Bahnhöfe an die Zeit des Reisens, wunderbar unrenoviert, das alte Eisen an der Decke, Rundbögen, als wäre es fast eine gotische Kirche. Nur das Smartphone in der Hand der Nachbarin passt nicht. Schnell schreibt sie noch eine Nachricht. Der Zug hat Verspätung.

Over the Rainbow #2

Natürlich kann Jarrett über den Flügel gebeugt ganz ihn hineinkriechen spielt er Somewhere Over the Rainbow, sucht die Tasten findet Töne der Träume, blaue und gelbe rote und lilafarbene als würde im Konzertsaal aufgehen wie eine riesige Seifenblase, getragen von einem zarten Lufthauch fern von Regen und Sonne ein Regenbogen schön. Nur das Klatschen der Zuhörer stört den Traum.

Blagoweschtschensk: Majenka

Gelb war das Haus angestrichen. Und türkis die Fensterläden. Der Dachstuhl glänzte im dunklen Rot in der Morgensonne. Auch innen farbenfroh. Lange Winter hatten keine Chance. Die Tapeten an der Wand hatten Blumenmuster. Kein Grau. Der Fluss Amur nicht weit. Auch nicht die nächste Stadt. Blagoweschtschensk. China ein Katzensprung. Das Haus stand in Ivanovka. Nicht der Rede wert. Ein Dorf wie viele andere. Majenkas Familie war schon vor Jahrzehnten hierhergezogen. In den Ost. Hier war Russland fast zu Ende. Früher hatte man hier nach Gold gesucht. Ihre Familie hatte aber nichts gefunden. Haben Tiere gezüchtet. Kartoffeln gepflanzt. Ihr Vater war Lehrer geworden. Majenka auch. Dorfschule. Rechnen. Lesen. Nun ist sie schon in Rente. Pflanzt immer noch Kartoffeln an. Sie mag ihr buntes Haus. Auch die Kirche mag sie. Die ist ganz in blau. Weiß die Fenster. Am Sonntag kommen immer die Enkelkinder. Und bringen Kuchen. Früher ist sie auf dem Amur mit dem Schiff gefahren. Oft sah sie einen Kranich über den Fluss fliegen. In Japan ist sie nie gewesen.