Krokodile

Zum Glück war Franz nicht in der SPD. So musste er sich nicht den Kopf zerbrechen über die Vor- und Nachteile von großen Krokodilen. Irgendwie war er bei der Frage mittlerweile ziemlich genervt. Doch scheinbar ging es den Deutschen ja auch ohne neue Regierung ganz gut. Manchmal hörte man sogar etwas vom neuen Bundestag. Doch dies war eher selten. Noch mehr nervte ihn eigentlich das Wetter. Kein richtiger Schnee in der Stadt. Laue Temperaturen. Er mochte Kälte im Winter. Eis und Schnee. Fuhr auch gern mit dem Rad über weiße Straßen. Wollte den Winter auch in München haben. Nicht nur in den Bergen. Am Sonntag würde er wohl in den Schnee fahren. Vorher keine Zeit. Musste noch arbeiten. Dinge erledigen. Am Abend in der Bar. Musste auch noch einen Text fertig schreiben. Termin ist Termin. Aber am Sonntag würde er früh in die Berge fahren. Mochte kein Gedränge. Keinen Stau. Krokodil hin oder her. er hatte ja im Herbst gewählt.

Olsztyn: Agnieszka

Einmal im Monat fuhr sie mit dem Fernbus nach Olsztyn. Ihre Eltern lebten noch dort. Meistens fuhr sie um 18.45 Uhr ab München. Es gab auch andere Verbindungen. Doch dann müsste sie umsteigen. Mit etwas Glück war sie um 14.20 dann in Olsztyn. Gerädert. Doch die Busfahrt war günstig. Ein Flug ging zwar schneller. Doch dann müsste sie ab Warschau schauen, wie sie weiterkommt. Wenn sie heim fuhr, hatte sie nicht viel Gepäck dabei. Sie arbeitete im Krankenhaus. Verdiente nicht schlecht. Mehr als in Polen. Hatte Deutsch gerne gelernt. Wollte raus.

Früher war Olsztyn Ostpreußen gewesen, hatte zu Deutschland gehört. Deutsche gab es fast keine mehr in Olsztyn. Während und nach dem Krieg waren sie geflohen. Agnieszka hatte nichts gegen die Deutschen. Hatte gerne ihre Sprache gelernt. Ihre Eltern hatten es nicht so gern gehabt, dass sie Deutsch lernte. Sie hätte daheim bleiben sollen. In Masuren war außer im Sommer wenig los. Im Sommer kamen viele Touristen. Die Seen waren wunderschön. Im Winter lag viel Nebel und Schnee. Da kamen keine Touristen. In Olsztyn gibt es jetzt sogar einen Flughafen. Nur selten billige Tickets. Der Flughafen war nicht neu. Alter Militärflughafen. Agnieszka mochte ihn nicht. Der CIA hatte ihn wohl öfter mal benutzt für besondere Missionen. Flüge aus Afghanistan waren dort gelandet. Agnieszka mochte den Winter in Masuren nicht. Selten war Sonne zu sehen. Kälte kroch in die Glieder. Wodka trank sie nicht. Ihre Generation trank kaum Wodka. Wodka tranken die Alten. Die Jungen hatten Ziele. Wollten Geld verdienen. In England. In Deutschland. Schöne Klamotten tragen. Schöne Autos fahren. Urlaub in Italien machen.

Den Sozialismus hatte sie nicht kennengelernt. Sie war zu jung dafür. Wollte davon auch nichts wissen. Vom 2. Weltkrieg wollte sie auch nichts wissen. Früher hatte es in Olsztyn viele Juden gegeben. Um die 500 müssen es gewesen sein, bevor die Nazis kamen. Für die Juden hatte sie sich immer interessiert. Früher gab es eine Synagoge. Zerstört. Vom jüdischen Friedhof ist kaum noch was zu erkennen. Ist aber nicht zerstört worden. Agnieszka geht gerne dort spazieren. Geblieben ist das Leichenhaus.

Wenn Agnieszka heim kommt, gibt es immer Piroggen. Oder Fisch. Wenn Vater einen gefangen hatte. Fisch gab es dauernd. Den vermisste sie in München am meisten. Der war ihr in der großen Stadt viel zu teuer. Und oft nicht frisch genug. Zander. Barsch. Hecht. Sie war nicht wählerisch. Nur frisch musste er sein.

Als Jandl den Führerschein machte #2

Als Jandl den Führerschein machte, da hatte es der Fahrlehrer nicht leicht. Verwechselte der Fahrschüler schnell mal links mit rechts oder rechts mit links und fuhr nach da und nach dort anstatt nach dort und nach da. Als dann Jandl dort war und nicht da, war der Fahrlehrer fort. Beim nächsten Mal, der Fahrlehrer war wieder da, fuhr Jandl nach dort und nach da, anstatt von da nach dort und fuhr nach rechts und nach links und auch im Kreis. Doch als fuhr Jandl im Kreis verkehrt, anstatt rechts nach links, da war der Fahrlehrer fort und kam nicht mehr.

Omsk: Wassili

Sommer wie Winter arbeitete Wassili an der Universität für Eisenbahnwesen. War dort Lehrer. Er war selber Ingenieur und bildete Ingenieure für Lokomotiv- und Wagentechnik aus. Seit es die Transsib gab, brauchte man gut ausgebildete Leute für die Eisenbahn. Mittlerweile kann man an der Hochschule auch andere Fächer studieren, doch Wassili bildete nach wie vor Ingenieure für die Eisenbahn aus. Sein Vater war Lokomotivführer gewesen, sodass er immer schon die Eisenbahn liebte. Wassili mochte die Stadt. Es lebten viele Studenten hier. Es gab ja auch viele andere Hochschulen. Seine Wohnung war seit 20 Jahren die gleiche. Plattenbau. Meist ging die Heizung gut im Winter. Konnte nicht klagen. Auf dem Land hatte er eine kleine Datscha. Seine Frau war ganz zufrieden mit ihm. Es ging ihnen gut. Machten Urlaub im Sommer. Hatten zwei große Kinder, die am studieren waren. Vom Balkon konnten sie direkt auf den Fluss schauen. Als der Ministerpräsident  die Hochschule besuchte, hat er ihm die Hand geschüttelt.

Die unendliche Langeweile: Oblomow #2

Ein Faulpelz gewesen, ein rechter. Unmöglich, nicht herumzuliegen für ihn gewesen, träge durchs Leben. Schlafen, nicht verdienen müssen den Lebensunterhalt, das Leben als ein einziger Traum der Dekadenz. Ein Parasit der Gesellschaft, eingeschrieben in sein Gesicht die unendliche Langeweile und nie enden wollende Müdigkeit. In den besten Jahren und doch schon verlebt, das Leben begonnen und des Lebens müde.

Wladiwostok: Wanja

Am Ende von Russland gelegen. Im Osten. Hier ist kein Europa. Hier beginnt der Pazifik. Hier kamen die Züge aus Moskau an. Hier brachten die Schiffe Ware aus Japan. Wanja liebte seine Stadt. Er lebte schon lange hier. Mochte die Größe. Den Trubel. Trieb immer schon Handel. Exportierte Autoteile von Europa nach Japan. Idealer Standort. Ließ die Güter mit der Bahn kommen. Meist aus Deutschland. Verschiffte sie dann nach Japan. Nur besonderes eilige Fälle schickte er mit Luftpost. Die Bahn war verlässlich. Auch mit China machte er Geschäfte. Oder Südkorea. Aber am meisten mit Japan. Deutsche Autos hatten da ihre Liebhaber. Wanja lebte gern am Meer. Mochte den Duft. Sah gern den Schiffen im Hafen zu. Wie sie die Container verluden. Doch am meisten war er am Bahnhof. Holte die Ware oft selber ab. Fuhr sie selbst zum Hafen. Wollte nicht immer im Büro sein. Manchmal fuhr er auch mit dem Zug nach Moskau. Konnte auch im Zug arbeiten. War auch öfters in Japan. Geschäfte musste man pflegen. Hatte genug Geld. Manchmal geht er ins Casino. Trifft dort viele Chinesen. Redet über dies und das. Wanja ist nicht auf den Mund gefallen. Nur die Winter mag er nicht.

Schlittenfahrt

Das Wochenende in den Bergen gewesen. Sonne schauen. In München nur Nebel. Franz war mit Maria Schlitten fahren gewesen. Berg raufgelaufen. Runter gerodelt. Schnee gab es noch genug. Und viel Sonne. Waren mit dem Auto rausgefahren. Später Freunde getroffen. Rote Wangen. Bergauf ganz schön warm geworden. Am Nachmittag waren sie noch einmal aufgestiegen. Zwei Tage Berge. Bei Freunden geschlafen. Nicht zuviel getrunken. Die Beine waren schwer geworden im Schnee. Runter nicht immer die Kurve bekommen. Der Schlitten war schnell geworden. Lachend lagen sie im Schnee.

Im Waldhaus gewesen #Sils Maria 2

Im Waldhaus gewesen, als sei magisch, ein Orakel gleich, der Hesse, auch Frisch und Thomas Mann, gewesen, im Waldhaus, auf Sommerfrische, Wanderungen, um den See, auf die Berge, durch die Täler, Chabrol filmte gleich, Strauss schrie Melodien zum Fenster raus, in Sils, im Engadin, der Richter malte die Fotos voll, gegen die Simulation der Wirklichkeit, die Künstler als Touristen, Erholung bedürftig, der Inspiration, auf der Suche nach neuer Kraft. Raufgeschleppt die Körper in dünner Luft, Gletscher angerannt, die süßesten Küsse getauscht auf der Blumenwiese. Das Pfeifen der Murmeltiere im Ohr, das Gemaule der Kühe, wenn zu spät der Bauer die Milch. Nur Nietzsche wohnte nicht im Waldhaus. Zarathustras Stürme gingen vorüber.