Als Richter in Sils Maria

Als Richter in Sils Maria

und Fotos schoss, der Himmel so blau

war, so weiß die Gipfel der Berge,

im April 1989, die Mauer noch stand,

 

da ertrug Richter nicht die Postkarten,

traf Nietzsche nicht mehr an im Engadin

nicht das Blau und Weiß

nahm Rot und Gelb

 

trug Farbe auf auf die Idyll

der Tourist, der doch Maler

war und konnte so die

Schönheit geniessen

Gerhard Richter, Sils Maria

Gerhard Richter, Sils Maria

Christsterne am Fenster

Barbarazweige geschnitten, am Fenster die Schneeflocken gesucht, nur nebelweiß die Straßen liegen, im Fenster der alten Nachbarin Christsterne gesehen. Erzählt eine alte Geschichte. Gelsenkirchener Barock umrahmt die Pflanze. Wie viele Weihnachten wird sie noch erleben? Die Enkel wohnen in der fernen Stadt. An Weihnachten würde sie gerne. Sie schafft den Weg nicht mehr, die Fahrt zu weit. An Weihnachten steig die Einsamkeit in ihr hoch. Läuft über ihren gebeugten Rücken direkt in ihr Herz. Der Gärtner bringt ihr immer zwei Christsterne vorbei, fürs Wohnzimmerfenster und fürs Küchenfenster. Im Radio hört sie gerne Weihnachtslieder, singt gerne mit. Früher hat sie Mandoline gespielt, im Orchester, aber jetzt sind ihre Finger viel zu steif. Vielleicht schafft sie es am Heiligen Abend in die Christmette. Dies wär´ihr größter Wunsch. Vielleicht ruft ja ein Enkel auch.

Am Abend, wenn alle Geschäfte

Am Abend, wenn alle Geschäfte schon geschlossen haben, die Nase an die Schaufensterscheibe gedrückt. Überall Lichterketten, Kugeln, so als wäre schon da der Festtag, als wäre schon geboren das Christkind. Geschenke wollen gekauft werden. Weihrauch Myrrhe, Gold. Geschenke für einen König. Doch wo sind die Könige? So viele Geschenke können doch nicht nur für einen sein. Die Kälte zieht langsam in die Glieder. Auch der Christkindlmarkt ist längst geschlossen. Die Sternen leuchten hell in dieser kalten Nacht. In den Eingängen der Kaufhäuser sieht man hier und da noch einzelne Menschen. Sie richten ihren Schlafplatz ein. Ob sie Geschenke bekommen? Die Heiligen drei Könige waren weit unterwegs. Folgten dem Stern. Auch heute scheinen die Sterne zum Greifen nah.

Nikolausabend

Marias Heimkehr lässt auf sich warten. Längst kalt geworden ist den Störchen, im Ofen warten schon die Äpfel. Die Radfahrer sind in diesen Tagen weniger geworden, der Nebel hat über Nacht die Bäume weiß gefärbt, Schneeersatzstoff für die Träume. Fliegen über weiße Landschaften, Hügel für Hügel. Nikolaus war kein Seemann, die Schuh werden nach draußen gestellt, zumindest heute Nacht. Holz müsste auch noch gehackt werden, die Kinder bekommen an den Schaufenstern große Augen. Wunschzettelglückseligkeit. Der Krampus poltert schon lange nicht mehr. In der Stadt habe ich Joseph getroffen. Er wusste von nix. Kirmesbudengleich leuchtet manches Haus.

Ein kapitaler Hirsch

Im Herbst geht der Schriftsteller auf Jagd. Großwildjagd. Keine Hasen oder so ein Gedöns. Hirsch, Reh, zur Not auch Gams. Nachts auf der Lauer liegend. Spüren, wie die Kälte in die Füße dringt. Die  Handschuhe nur wenig gegen den Frost schützen. Zum Glück keine Nässe. Das Fernglas überwacht die Wiesen vor den Wäldern. Klapprig ist der Hochstand und wenig geschützt gegen den eisigen Wind. Hilft nichts. Für einen stattlichen Hirschen muss man Opfer bringen. Bald kommt die Morgendämmerung. Es wird langsam Zeit. Jetzt sollte aber wirklich. Da. Ein leises Knacksen. Aus der Böschung. Noch im Gestrüpp. Was für ein Geweih. Jetzt blos keinen Fehler machen. Langsam das Gewehr anlegen. Schon fallen dem Schriftsteller die Worte ein. Der Roman wird großartig werden. Ganz bestimmt. Der Verleger wird ihn aus den Händen reißen. Ein kapitaler Hirsch.

Ohne Geldsorgen

Auf dem Autobahnrastplatz stehen sie gerne neben den ganz großen LKWs. Gerade zu geschrumpft sehen die meisten Wohnmobile aus. Doch mitunter scheinen auch sie gewaltig zu expandieren. Haus auf vier Rädern. Zumeist sind die nicht so ganz Jungen am Lenkrad. Auf der Suche nach Träumen, auf der Flucht vor den Enkeln oder aus Flucht davor, dass sie keine Enkel haben. Unruhig fahren sie übers Land. Die Fahrer der LKWs würden gerne mal tauschen. Einfach nur zum Spaß durch die Gegend fahren. Ohne Termindruck. Ohne Geldsorgen. Zusammen mit Frau und Kindern. Statt dessen Elefantenrennen. Tagein, Tagaus. Die winzigste Abwechslung. Das Geld fürs Restaurant ist knapp. Wenig Bewegung. Das Bett viel zu klein. Mist, schon wieder Stau. Wenn das so weiter geht, wird das Wochenende noch auf der Straße verbracht. Kontrolle. Lenkzeitüberschreitung.

Kein Fernverkehr

Die Eisenbahnbrücke über dem Lech ist nur den kleinen Träumen vorbehalten. Hier fährt nur die Lokalbahn. Güter von dort nach hier. Nicht weit. Nur nah. Die große Eisenbahnbrücke liegt weiter östlich. Kein Paris. Kein Rom. Kein Wien. Nicht einmal München. Dafür wunderbar für Radfahrer geeignet. Zur Flussüberquerung in die Innenstadt. Für wenn zum Dom, zum Christkindlmarkt, für wenn Erledigungen anstehen. Die Träume sind hier kleiner. Doch der Horizont strahlt, das Wasser erzählt vom ersten Schnee der Berge. Auf der Oberfläche spiegeln sich die Sonnenstrahlen. Ein Zug kommt selten vorbei. Für nah. Hier ist kein Fernverkehr.